![]() |
|
Jahrgang 1954
Um das Werk des Bildhauers Helmut Stiegler zu verstehen - über die Empfindung reiner Freude ob der ästhetischen Schönheit seiner Arbeiten hinaus, ist es hilfreich, in den Entstehungsprozess seines Schaffens einzutauchen, der lange vor der handanlegenden, formenden Arbeit im Atelier beginnt: waches, suchendes Schauen; Erspüren und Finden eines potentiellen Materials, das der Künstler als Kunstwerks-Rohling bezeichnet; Sammeln und Hereinnehmen in den Fundus; Vergessen - bis zum Impuls an einem rufenden Stück zu arbeiten; Erspüren dessen, was werden will, was im Rohling schon angelegt ist; dieses intuitive Mitgehen während des gesamten Arbeitsprozesses aufrechterhalten. Holz, Metall und Acrylglas sind die Hauptmaterialien, die in Stieglers Kunst zum Einsatz kommen. Wenn der Gestaltungsprozess abgeschlossen ist, folgt ein weiterer wesentlicher Schritt im künstlerischen Arbeiten: die Wahrnehmung des fertigen Werkes nach dem Hereinholen aus dem Atelier in die privaten Räume. Diesen Augenblick nennt Stiegler das "Erkennen" des neuen Werkes. Erst dann kann es in die Welt hinaus. Bei diesen ersten Erkennungs-Begegnungen geschieht es gelegentlich, dass eine neue Ausdrucksform hinzukommt: verdichtete Gedanken, die der Künstler festhält und den Werken als Begleittexte beigibt. Die Ergebnisse seines künstlerischen Schaffens sind sichtbar gewordene, geistige Auseinandersetzungen mit Sinnfragen. Durch des Künstlers Werke kann der Betrachter das Geistige hinter der Materie erahnen. Stieglers skulpturale Arbeiten sind Metaphern, die als Brücken dienen können zwischen der dichten, materiellen, buchstäblichen Welt und der unsichtbaren geistigen. Wobei nach Robert Bly "die geistige Welt die Welt der nicht auf praktische Zwecke bezogenen Intelligenz ist." Lebens-Sinnfragen stellt der Künstler an sich selbst und mit seinen Arbeiten an die Menschen und lädt sie damit zu einer eigenen, inneren Kommunikation ein. Die symbolische Sprache ist die Sprache der Seele und ihr eine Nahrung. Diese Symbolik und über das rein Sichtbare Hinausweisende tönt uns bereits aus vielen seiner Werktitel entgegen: als Beispiel weist die Skulptur "Gewunden - ungebunden" mit ihrer goldenen Spitze auf die andere Seite und reizt zugleich mit ihrem nahezu alabasternen Äußeren eine haptische Sinneserfahrung. Der heute vorherrschenden horizontalen Denkungsart, die nur in die Breite geht und materielle Interessen verfolgt, stellt Helmut Stiegler die Kraft der vertikalen Sprache entgegen, die es ermöglicht in die Höhe und in die Tiefe zu blicken. Seine Kunst möchte dazu ein Werkzeug sein. Stieglers vertikale, symbolisch-skulpturale Sprache ist klar und unverstellt. Wenn eine Übereinstimmung und Deckungsgleichheit zwischen innerem Wesen und äußerem Ausdruck gegeben ist, wird ein Mensch, ein Kunstwerk oder eine Sache wahr und schön. Schönheit ist sozusagen das Außenantlitz der Wahrheit. Helmut Stiegler ringt in seinem künstlerischen Schaffen authentisch um diese Wahrheit.
|
